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Aktion für vernünftige Energiepolitik Schweiz (AVES)

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BULLETIN   Nr. 31                                                                                      März 1994

 

 

 

Energie aus dem Nichts?

Seit etwa dreiviertel Jahren macht eine Firma in Rapperswil, die Raum-Quanten-Motoren AG, immer wieder von sich reden. Ihr Hauptaktionär und Geschäftsführer, Jean-Marie Lehner, behauptet, eine Maschine bauen zu können, die unbegrenzt Energie abgibt, ohne dass ihr irgendwelcher Treibstoff zugeführt werden muss. Bereits im Sommer 1994 sollen die Raum-Quanten-Motoren in Serie hergestellt werden. Der kleinste Motor, eine 200 Kilogramm schwere Maschine, soll den Energiebedarf von zehn Einfamilienhäusern decken können und 20'000 bis 25'000 Franken kosten. Die Raum-Quanten-Motoren sollen keinerlei Emissionen abgeben und mindestens hundertmal wirtschaftlicher sein als Solarenergie.

Das Ganze beruht auf einer Theorie des "Schweizer Physikers Oliver Crane", die in einem Buch mit dem Titel "Zentraler Oszillator und Raum-Quanten-Medium" publiziert wurde. Das Buch wird vom Universal-Experten-Verlag (Rapperswil, Hauptaktionär und Geschäftsführer: J.-M. Lehner) zum Preis von 360 Franken verkauft. Es wurde sogar ein "Institut für Raum-Quanten-Forschung" (Rapperswil, Hauptaktionär und Geschäftsführer: J.-M. Lehner) gegründet.

 

Das Perpetuum mobile und der Energieerhaltungssatz

Eine Maschine mit den Eigenschaften des Raum-Quanten-Motors ist nichts anderes als eine moderne Form des Perpetuum mobile.

Seit Hunderten von Jahren haben sich ungezählte Erfinder vergeblich bemüht, ein Perpetuum mobile zu konstruieren. Die erste bekannte schriftliche Erwähnung eines Perpetuum mobile stammt aus dem Jahr 1150. Ein Perpetuum mobile ist genaugenommen nicht das, was der Name besagt, nämlich einfach eine beständig laufende Maschine, sondern eine Maschine, die ohne jede äussere Energiezufuhr beständig mechanische (oder elektrische) Arbeit abgibt.

Die zahllosen vergeblichen Versuche, eine solche Maschine zu konstruieren, waren nicht völlig nutzlos, sondern haben zur Gewinnung der Erkenntnis beigetragen, dass ein Energieerhaltungssatz gilt. Die Ueberzeugung, dass ein Perpetuum mobile weder auf rein mechanischer noch auf irgendeiner andern Basis möglich ist, festigte sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts, und 1775 beschloss die französische Akademie, keine weiteren Entwürfe eines Perpetuum mobile mehr entgegenzunehmen.

Während die früheren Perpetuum mobile fast ausnahmslos mehr oder weniger raffinierte mechanische Konstruktionen mit Hebeln, Zahnrädern, Schwungrädern, Schneckengetrieben und dergleichen waren, ist es in neuerer Zeit zu einer Art Renaissance des Perpetuum mobile in Form von meist recht komplizierten elektrischen oder elektronischen Geräten mit elektrostatischen, magnetischen oder elektromagnetischen Feldern gekommen, wobei die heutigen Erfinder von Vakuumenergie, Tachyonen-Energie, "free energy" und ähnlichen Begriffen sprechen.

Es gibt bereits ganze "Kongresse" zum Thema "Freie Energie", in denen Erfinder ihre neuen "Theorien" und "Vakuumenergiemaschinen" vorstellen. Dabei können bezeichnenderweise die Prototypen aus "patentrechtlichen" Gründen nicht gezeigt werden, oder das Vorführmodell braucht einstweilen noch mehr elektrische Energie als es abgibt, wobei versichert wird, dass eine entsprechend grössere Version (die erst noch finanziert werden müsste) eine positive Energiebilanz hätte.

Leider lassen sich diese meist nicht leicht durchschaubaren (oder aus "patentrechtlichen" Gründen überhaupt nicht einmal "anschaubaren" !) Geräte nicht so ohne weiteres mit dem Hinweis auf den Energieerhaltungssatz als Unsinn abqualifizieren. Der Energiesatz ist letzten Endes nur ein empirisches Gesetz, und es wäre mindestens prinzipiell denkbar, dass eines Tages eine spezielle Situation gefunden wird, in der er nicht gültig ist.

Die Wahrscheinlichkeit dafür ist allerdings sehr klein. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass es nach der Entdeckung der Radioaktivität bereits eine solche Situation gab, in der der Energiesatz verletzt zu sein schien. Dies erschien den Physikern aber so unglaubhaft, dass sie während 26 Jahren lieber an die Existenz eines neuen, praktisch kaum nachweisbaren Elementarteilchens, als an die Verletzung des Energiesatzes glaubten. Dieses Teilchen, das Neutrino, wurde zur Rettung des Energiesatzes 1930 von Wolfgang Pauli postuliert und konnte erst 1956 experimentell nachgewiesen werden.

Der Energiesatz ist somit ein ausgezeichnet bestätigter Satz und es ist äusserst unwahrscheinlich, dass er mit einer raffinierten elektromagnetischen Anordnung verletzt werden kann.

 

Theorie

Der Autor des Buches "Zentraler Oszillator und Raumquanten-Medium", der am 6. Dezember 1992 verstorbene "Atomphysiker Prof. Oliver Crane", behauptet, die gesamte Physik strotze förmlich von Phänomenen, welche die Schulphysik weder erklären noch begründen könne. Die Elementarteilchen-Forschung der letzten 40 Jahre habe stagniert und sei heute im Prinzip noch genau so weit vom Ziel entfernt, wie vor 40 Jahren. Schon diese beiden Behauptungen verraten, dass der Autor offenbar keine Ahnung von Physik hat.

Tatsächlich war Oliver Crane weder Physiker noch Professor, sondern Autodidakt und hiess in Wirklichkeit Alois Ludwig Siegrist.

Grundsätzlich sind Autodidakten nicht zum vornherein als inkompetent zu betrachten. Zum Beispiel war auch der geniale Forscher Michael Faraday ein Autodidakt. Die Gefahr ist aber gross, dass ein Autodidakt auf Grund mangelnder Kenntnisse (insbesondere in Mathematik) Theorien aufstellt, die sich als völlig unbrauchbar erweisen, und Wege beschreitet, die im Laufe der wissenschaftlichen Entwicklung längst als Irrwege erkannt wurden.

Genau das trifft nun leider für den Autor Crane/Siegrist zu. Er stellt eine "Arbeits-Strategie" auf, in der er unter anderem fordert, dass nur mit "konkreten, anschaulichen Funktionsmodellen" gearbeitet werden dürfe. Die Mathematik dürfe nur als Hilfsmittel zur Berechnung genauer Werte verwendet werden, aber auf keinen Fall, "um fiktive abstrakte Gebilde ohne jeden Realitätsbezug zu konstruieren".

Diese Forderungen sind in erkenntnistheoretischer Hinsicht völlig absurd. Man kann nicht erwarten, dass die Vorgänge im Mikrokosmos mit Hilfe von aus der makroskopischen Umwelt gewonnenen anschaulichen Begriffen beschrieben und erklärt werden können. Es hat sich im Laufe der Zeit im Gegenteil gezeigt, dass die Beschreibungen der physikalischen Vorgänge und Gesetze zwangsläufig mehr und mehr abstrakten und mathematischen Charakter haben. Dabei ist es keineswegs so, dass der Realitätsbezug verloren ginge. Im Gegenteil: Oft wurden zur Erklärung gewisser Phänomene neue, sehr abstrakte mathematische Beziehungen aufgestellt. Bei der Auswertung und Interpretation dieser Beziehungen ergaben sich dann neue und völlig unerwartete Folgerungen, die darauf experimentell bestätigt werden konnten.

Das "Funktionsmodell" von O. Crane ist nicht einmal als eine neue Theorie zu betrachten, da kein einziges quantitatives Resultat hergeleitet und mit experimentellen Werten verglichen wird. Es wird alles nur mit (völlig unverbindlichen) Worten und Zeichnungen beschrieben. Das Wesentliche einer naturwissenschaftlichen Theorie besteht darin, dass sie falsifizierbar ist, d.h. die Theorie muss Aussagen machen, die durch Experimente gegebenenfalls widerlegt werden können. Die sehr vagen "Erklärungen" von Crane sind grösstenteils nicht falsifizierbar. Jedoch gibt es einige qualitative Aussagen, die nachprüfbar sind und sich als falsch herausstellen.

Zum Beispiel wird ein Experiment (Hooper-Monstein-Experiment) beschrieben, von dem behauptet wird, dass es auf Grund der Craneschen Raumquantenströmung erklärt werden könne, während es auf Grund der konventionellen Theorie nicht verständlich sei. Die Argumentation zeigt, dass Monstein die konventionelle Theorie überhaupt nicht begriffen hat. Jeder Physikstudent im 5. oder 6. Semester wäre in der Lage, den elementaren Irrtum Monsteins aufzuzeigen. Da das Experiment von Monstein als Nachweis der "Raumquantenströmung" gewertet wird, ist anzunehmen, dass auch Crane die konventionelle Theorie nicht verstanden hat.

 

Zusammenfassung

Crane erhebt den Anspruch, ein "neues vereinheitlichtes Weltbild der Physik" geschaffen zu haben. Sein "Funktionsmodell" macht aber keine einzige quantitative Aussage, erklärt nichts, was nicht schon die konventionelle Physik auch erklären würde, macht keine Vorhersagen neuer Effekte und stellt eine Reihe von Behauptungen auf, die nachweislich falsch sind. Das Modell kann dementsprechend nicht einmal als eine neue Theorie bezeichnet werden.

Crane stellt ferner die Behauptung auf, auf Grund seines "Funktionsmodells" lasse sich ein energieliefernder "Raum-Quanten-Motor" konstruieren.

Es kann nun nicht einfach aus der Bedeutungslosigkeit seines "Funktionsmodells" der Schluss gezogen werden, dass ein solches Gerät nicht funktionieren könne. Es ist tatsächlich möglich, auch auf Grund falscher Vorstellungen eine funktionierende Maschine zu konstruieren. Die erste brauchbare Dampfmaschine wurde von James Watt konstruiert auf Grund der falschen Vorstellung, dass Wärme ein Stoff ("Caloricum") sei.

Da aber eine Verletzung des Energiesatzes extrem unwahrscheinlich ist und keine haltbare theoretische Basis dafür präsentiert wird, sind die Behauptungen der "Raum-Quanten-Motoren-AG" mit grosser Skepsis zu betrachten.

Man darf auf den Sommer 1994 gespannt sein. Dann sollen ja die ersten Raum-Quanten-Motoren in Serie produziert werden.

Erstaunlich ist vor allem eines: Herr Lehner scheint bis jetzt keinerlei Schwierigkeiten gehabt zu haben, Geldgeber zu finden. Das Aktienkapital beträgt 3 Millionen Franken...

 

 

 

 

A.R.