AVES Pfannenstil
Aktion für vernünftige Energiepolitik Schweiz (AVES)
Regionalgruppe Pfannenstil
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BULLETIN Nr. 2 Januar 1981 |
Können wir auf Kernenergie
verzichten?
Die dringend notwendigen
Massnahmen zur Reduktion der erschreckend hohen Erdölabhängigkeit der
schweizerischen Energieversorgung werden unweigerlich ein starkes Anwachsen des
Elektrizitätsverbrauchs zur Folge haben (siehe Bulletin Nr. 1 !). Durch eine
Modernisierung der bestehenden Wasserkraftwerke und durch Bau neuer Anlagen
lässt sich eine Steigerung der Stromproduktion erreichen, die etwa der Hälfte
der Leistung des Kernkraftwerks Gösgen entspricht. Obwohl das natürlich bei
weitem nicht genügt, behaupten die Kernenergie-Gegner weiterhin, neue
Kernkraftwerke seien überflüssig, und verweisen auf die Alternativenergien
Sonnenenergie, Windenergie, Holz, Biogas usw. Besonders die Sonnenenergie wird
von gewissen Kreisen mit geradezu fanatischem Eifer als Allheilmittel angepriesen.
Wie steht es damit tatsächlich?
1. Die Intensität der
Sonnenstrahlung
Die Intensität der auf die
Erde einfallenden Sonnenstrahlung beträgt ausserhalb der Erdatmosphäre ca. 1350
Watt pro Quadratmeter. Ein Teil der Strahlung wird von der Atmosphäre absorbiert
und reflektiert. Am Boden treffen daher an einem klaren Tag nur noch etwa 1000
W/m2 auf (senkrecht zur Einstrahlungsrichtung). Bei stark bewölktem
Himmel reduziert sich dieser Wert sogar auf 100 bis 200 W/m2 .
Die mittlere auf eine
horizontale Fläche einfallende Strahlungsintensität beträgt im schweizerischen
Mittelland ungefähr 135 W/m2 (Mittelwert über Tag und Nacht und
über das ganze Jahr).
Diese Zahlen bilden die
Basis für alle Projekte zur Nutzung der Sonnenenergie.
Häufig wird das Argument
vorgebracht, wenn ebensoviel Geld für die Entwicklung der Sonnenenergie wie für
die der Kernenergie aufgewendet worden wäre, wären die Probleme der Anwendung
der Sonnenenergie längst gelöst. Dabei wird meist übersehen, dass auch mit
beliebig hohem Forschungsaufwand die oben genannten Zahlen sich nicht ändern
lassen, die sind nun einmal für unser System Sonne-Erde fest gegeben.
Natürlich sind es genau
diese Zahlen, die einer vernünftigen Nutzung der Sonnenenergie gewisse Grenzen
setzen.
2. Die Nutzung der
Sonnenenergie
Zunächst muss zwischen
direkter und indirekter Nutzung der Sonnenenergie unterschieden werden. Die
sehr widersprüchlichen Ansichten über das Potential der Sonnenenergienutzung
kommen zum Teil daher, dass manche Autoren oder Referenten die Windenergie, die
Bioenergie (Holz, Biogas), die Wasserkraft und die Gezeitenenergie mit zur
Sonnenenergie zählen. Natürlich sind alle diese Energien letzten Endes
tatsächlich auf die Sonnenenergie zurückzuführen. Im folgenden soll aber unter
Sonnenenergienutzung nur die direkte Nutzung verstanden werden (auf die anderen
Energiearten wird in den folgenden Bulletins eingegangen).
Für die direkte Nutzung der
Sonnenenergie bestehen im wesentlichen folgende Möglichkeiten:
§
Gewinnung von Wärmeenergie
Sonnenkollektoren für Heizung und Warmwassererzeugung
§
Gewinnung von elektrischer Energie
Solarzellen, thermische Sonnenkraftwerke (Solarkraftwerke)
Gewinnung von Wärmeenergie:
Es soll hier nicht
bestritten werden, dass Sonnenkollektoren einen Beitrag zur Reduktion des
Oelverbrauchs liefern können. Dass jedoch auch dieser Einsatz der Sonnenenergie
wegen des grossen Material- und Energieaufwandes bei der Herstellung der Kollektoren
nicht ganz so problemlos ist, wie man uns glauben machen möchte, zeigt Prof. W.
Seifritz in seinem ausgezeichneten Buch: „Sanfte Energietechnologie – Hoffnung
oder Utopie?“ (siehe Literaturhinweise).
Gewinnung von elektrischer
Energie:
Solarzellen (Fotozellen)
liefern eine direkte Umwandlung von Sonnenlicht in Elektrizität. Bei
thermischen Sonnenkraftwerken wird mit der durch die Sonnenstrahlung
produzierten Wärme eine klassische Wärmekraftmaschine betrieben (elektrischer
Generator wird von Gasturbine und/oder Dampfturbine angetrieben).
Da ja von den
Kernenergie-Gegnern immer wieder behauptet wird, mit Hilfe der Sonnenenergie
könne auf Kernkraftwerke verzichtet werden, soll die Gewinnung von elektrischer
Energie mit Sonnenkraftwerken im folgenden etwas genauer betrachtet werden.
3. Solarzellen
Eines der Hindernisse, die
sich einem Einsatz der Solarzellen im grossen Masstab entgegenstellen, ist der
zur Zeit noch relativ hohe Preis. Nach manchen Prognosen sind in den nächsten
Jahren jedoch starke Preissenkungen zu erwarten. Das soll hier nicht untersucht
werden. Dagegen ist es aufschlussreich, einmal den Flächenbedarf für ein
1000-MW-Kraftwerk zu berechnen.
Solarzellen haben einen
Wirkungsgrad von 10 bis 15 %. Obwohl im Kraftwerksbetrieb wegen der nicht immer
optimalen Betriebsbedingungen der maximale Wirkungsgrad nicht erreicht werden
kann, wird im folgenden der optimistisch hohe Wert von 15 % eingesetzt. Da eine
grössere Fläche nicht lückenlos mit Solarzellen bedeckt werden kann, sondern
Raum für Unterhalts- und Reparaturarbeiten freigelassen werden muss, kann mit
einer etwa 50 %igen Flächenbedeckung gerechnet werden.
Für ein Kraftwerk mit 1000
Megawatt mittlerer elektrischer Leistung (entspricht etwa der Leistung des KKW
Gösgen) ist dann eine totale Fläche von rund 100 km2 (in Worten:
hundert Quadratkilometer) erforderlich!
Es muss bei
Sonnenkraftwerken immer sorgfältig unterschieden werden zwischen mittlerer
Leistung und Spitzenleistung. Fast immer wird nämlich die Spitzenleistung
angegeben. Die mittlere Leistung ist aber beträchtlich kleiner. Bei einem KKW
ist dagegen die mittlere Leistung nahezu gleich der Maximalleistung. Ein
unvorsichtiger Vergleich von Leistungsdaten liefert daher meistens ein gänzlich
falsches Bild.
4. Solarkraftwerke
Das aussichtsreichste
Konzept für grosse Solarkraftwerke besteht aus einem hohen Turm, auf dem ein
sogenannter Empfänger angebracht ist. Mit Hilfe einer grossen Zahl von beweglichen
Spiegeln, die präzise dem Sonnenstand nachgeführt werden, wird das Sonnenlicht
auf den Empfänger konzentriert. Mit der vom Empfänger eingefangenen Wärme wird
eine Turbine betrieben, die ihrerseits den elektrischen Generator antreibt. Es
können Gas- oder Dampfturbinen oder Kombinationen von beiden verwendet werden.
Eine Studie des Battelle-Instituts
in Genf untersuchte die Möglichkeiten für Solarkraftwerke in den Schweizer
Alpen. Ein typisches Kraftwerk bestände aus einem 200 m hohen Turm mit dem
Empfänger an der Spitze und 10'000 (in Worten: zehntausend!) beweglichen
Spiegeln (sog. Heliostaten) von je 50 m2 Fläche, die wegen des
Schnees auf bis zu 9 m hohen Masten montiert wären und einen Berghang mit einer
Fläche von total ca. 2 km2
bedecken würden (die von den Heliostaten beanspruchte Landfläche muss 4
bis 5 mal grösser sein als die totale Spiegelfläche, um die gegenseitige
Beschattung der Heliostaten zu vermeiden). Es würde eine Spitzenleistung von
ca. 100 MW und eine mittlere Leistung von ca. 17 MW liefern. Man beachte wieder
den Unterschied zwischen Spitzenleistung und mittlerer Leistung!
Für eine mittlere Leistung
von 1000 MW wären somit rund 60 solcher Kraftwerke erforderlich! Das wären also
rund 120 km2 Berglandschaft für die Leistung eines einzigen
Kernkraftwerks.
Umweltfreundliche
Sonnenenergie?..
5. Das Speicherproblem
Wegen der ungleichmässig
anfallenden Leistung eines Sonnenkraftwerkes (Tages- und Jahreszeiten,
Bewölkung!) stellt sich das Problem, wie die Energie gespeichert werden kann.
Strom wird auch nachts und bei schlechtem Wetter (und vor allem dann!)
gebraucht. Im Winter, wenn der Energiebedarf am grössten ist, scheint die Sonne
viel weniger lang als im Sommer. Wenn ein wesentlicher Bruchteil des
schweizerischen Energieverbrauchs durch Sonnenkraftwerke gedeckt würde, wäre
das Energiespeicherproblem kaum lösbar.
6. Dezentralisierung?
Von Seite der
Sonnenenergie-Anhänger wird immer wieder die „dezentralisierte Nutzung“ der
Sonnenenergie propagiert. Eine dezentralisierte Anordnung der notwendigen
Kollektorflächen verringert aber selbstverständlich keineswegs den totalen Flächenbedarf!
7. Sonnenenergie – ja oder
nein?
Für Entwicklungsländer mit
starker ganzjähriger Sonneneinstrahlung sind Sonnenkraftwerke die ideale Lösung
des Energieproblems.
Langfristig ist auch die
Möglichkeit denkbar, dass grosse Sonnenkraftwerke in den sonnigen
Wüstenregionen Wasserstoff produzieren, der dann durch Fernleitungen über
kontinentale Entfernungen zu den Verbrauchern transportiert wird. Vorläufig
stellen sich aber einer solchen Lösung vor allem politische Hindernisse
entgegen.
Für schweizerische
Verhältnisse können Sonnenkollektoren für Heizung und Warmwasserproduktion
einen wertvollen Beitrag zur Reduktion des Erdölverbrauchs liefern. Dagegen
sind Sonnenkraftwerke zur Stromerzeugung wegen ihres ungeheuer grossen
Landbedarfs alles andere als besonders umweltfreundlich.
Die Nutzung der
Sonnenenergie macht also Kernkraftwerke keineswegs überflüssig, im Gegenteil,
nur eine durch genügend KKW gesicherte Stromversorgung ermöglicht überhaupt
eine grössere Nutzung der Sonnenenergie. Die Sonnenenergie ist nicht eine
Alternative zur Kernenergie, sondern eine Ergänzung.
Sonnenenergie – ja oder
nein? Ja, aber nicht anstelle, sondern nur mit Hilfe der Kernenergie!
Sonnenenergie-Autos?
Im Dezember 1980 wurde in
der Presse von einem Elektromobil berichtet, das an der Internationalen
Erfindermesse in Genf vorgestellt worden war. Auf dem Dach des Elektroautos
sind Solarzellen montiert, die einen Bleiakkumulator (wie die „Batterie“ im
normalen Auto) aufladen.
Bei einer Geschwindigkeit
von 40 km/h soll das Auto fast 120 km weit fahren können. Der technisch
unbefangene Leser musste den Eindruck gewinnen, man könnte demnächst statt mit
Benzin mit Sonnenenergie autofahren.
Wie stehen die Chancen
dafür?
Eine einfache rechnerische
Abschätzung zeigt, dass, um den Akkumulator für eine Fahrt von 120 km mit Hilfe
der Solarzellen zu laden, das Auto zuerst mindestens 70 Stunden im prallen
Sonnenschein stehen müsste. 70 Stunden Sonnenschein, das sind bei schönem
Wetter etwa 6 Tage.
Bei Bewölkung oder gar
Regenwetter muss man das Auto eben noch etwas länger stehen lassen.
Brände und Explosionen
mehr als 780 Tote
mehr als 1200 Verletzte
Wegen Explosionsgefahr mussten in einem Fall 8000 Einwohner evakuiert werden.
Zugs- und Busunglücke
mehr als 560 Tote
mehr als 1150 Verletzte
Flugzeugunglücke
mehr als 1200 Tote
mehr als 90 Verletzte
Giftgasunfälle
mehr als 28 Tote
mehr als 47 Verletzte
Wegen Giftgaswolken, die durch Brände oder Explosionen freigesetzt wurden,
mussten in 7 Fällen insgesamt über 28'000 Einwohner evakuiert werden.
Die obigen Zahlen beruhen
auf einer mit Hilfe von Zeitungsmeldungen privat geführten Statistik. Dabei
wurden nur die grösseren Unglücke erfasst (z.B. wurden gewöhnliche Strassenverkehrsunfälle
oder Abstürze von Privatflugzeugen nicht mitgezählt). Da jedoch selbst Meldungen
von grösseren Unglücken häufig recht unauffällig sind, wurde bestimmt ein
gewisser Prozentsatz der Meldungen übersehen. Die wahren Zahlen sind also
gewiss höher.
Es drängen sich einige
Fragen auf.
1. Frage:
Wie gross und wie unübersehbar und unüberhörbar wären die Meldungen gewesen,
wenn sich ein Kernenergieunfall mit 10 Todesopfern ereignet hätte?
2. Frage:
Hat jemand verlangt, dass Eisenbahn- oder Busfahren, Fliegen und die Verwendung
feuergefährlicher oder giftiger Stoffe verboten werden?
3. Frage:
Wäre nicht sofort mit grossem Geschrei weltweit ein Verbot der weiteren
Verwendung der Kernenergie verlangt worden, wenn ein Kernenergieunfall 10
Todesopfer gefordert hätte?
4. und letzte Frage:
Warum sind manche Leute so schrecklich inkonsequent?
Energiespartips findet man
in zahlreichen Broschüren, Publikationen und Zeitschriftenartikeln. Drei
einfache Spartips sollen hier in Erinnerung gerufen werden. Ihre Befolgung
kostet nichts, aber ihre Wirkung ist grösser, als man meistens glaubt.
· Temperatur in Wohnzimmern nicht über 19 bis 20 °C, in Schlafzimmern nicht über 16 bis 17 °C.
Zum letzten Tip wieder ein neckisches Beispiel (vgl. Bulletin Nr. 1):
Frau Schweizer schimpft
immer, wenn jemand irgendwo das Licht unnütz brennen lässt. Sie pflegt jedoch
jeden Morgen die drei Schlafzimmer ihrer Wohnung während anderthalb Stunden zu
lüften. Dabei stellt sich ein sechsfacher Luftwechsel pro Stunde ein. Die
Aussenluft strömt mit einer Temperatur von -2 °C herein und die die Zimmer
verlassende Luft hat eine mittlere Temperatur von 10 °C. Eigentlich würde ein
Lüften von 10 Minuten Dauer genügen. Wie lange könnte man eine 60-W-Lampe mit
der so verschwendeten Energie brennen lassen?
Antwort: nednuts
gizreivdnuthca awte
Robert Gerwin
„Die Welt-Energieperspektive“
Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1980.
ca. Fr. 25.-
Ausgezeichnete
Zusammenfassung einer Studie des IIASA (International Institute for Applied
Systems Analysis, Internationales Institut für Angewandte Systemanalyse) in
Laxenburg bei Wien. Gibt einen nüchternen und umfassenden Ueberblick über die
Welt-Energieprobleme und ihre möglichen Lösungen. Für jedermann, der sich mit
Energieproblemen ernsthaft auseinandersetzen will, äusserst empfehlenswert.
Walter Seifritz
„Sanfte Energietechnologie – Hoffnung oder Utopie?“
Verlag Karl Thiemig, München 1980. ca.
Fr. 15.-
Zeigt eindrücklich die
Problematik eines massiven Einsatzes der Sonnenenergie. Beweist, dass zu
Unrecht die „harte“ Technologie verteufelt und die „sanfte“ Technologie
verherrlicht wird.
Bernd Stoy
„Wunschenergie Sonne“
Energie-Verlag, Heidelberg 1978. ca.
Fr. 60.-
Beschreibt ausführlich die
verschiedenen Anwendungsmöglichkeiten der Sonnenenergie. Obschon der Autor die
Nutzung der Sonnenenergie eindeutig befürwortet, zeigt er trotzdem
unmissverständlich, dass einerseits die Sonnenenergie kein Allheilmittel ist
und dass andererseits eine Entscheidung gegen die friedliche Nutzung der
Kernenergie unter anderem auch eine Entscheidung gegen die Nutzung der
Sonnenenergie wäre.
A.R.